Interaudio. Materialien für die interkulturelle Radioausbildung

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Der Ordner ist entstanden innerhalb eines Projektes von Interaudio. Er beinhaltet die Artikel: Sprechen und Moderieren im Radio, Interview, Recherche und Nachricht, Methoden der Mehrsprachigkeit, Musik im Radio, Radiomontage, Hörspiel, Die Magazinsendung, Keine Angst vor Technik, Lehr- und Lernmaterialien. Die Unterlagen sind jeweils auch auf englisch, französisch, spanisch und russisch erhältlich (auf CD-ROM bzw. als Download im Internet – die Seite ist allerdings leider nur in deutsch vorhanden / großer Nachteil für Nicht-deutsch-sprechende Menschen)

Inhaltsverzeichnis

Kritik

Die Unterlagen eignen sich recht gut als Arbeitsmaterialien zum Selberlernen, bzw. auch als Handouts zur Wissenssicherung nach Workshops. Die einzelnen Abschnitte gehen dabei unterschiedlich stark von der Situation in Freien Radios aus. Zum Teil (Beispiel Moderation) werden sehr stark standard- bzw. berufsjournalistische Routinen erläutert und empfohlen oder auch Lehrmeinungen und Standardaussagen übernommen, ohne sie jeweils kritisch zu hinterfragen. (Detailliertere Auseinandersetzungen bei den Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln.)

Was in den Materialien völlig fehlt, sind Hinweise auf weiterführende Literatur, Projekte, Internetseiten etc. Dadurch stehen die Materialien relativ monolithisch da, verweisen nicht (oder kaum) auf Meinungsvielfalt und vermitteln das Gefühl: "Wenn ich diesen Ordner gelesen habe, dann weiß ich alles zum Thema interkulturelles Radio".

Sehr nützlich sind die Unterlagen in russisch, englisch, spanisch und französisch (auf der beiliegenden CD-ROM bzw. als pdf-Dateien im Internet downloadbar http://interaudio.org/cms/index.php?option=content&task=view&id=340&Itemid=37). Allerdings gibt es an manchen Textstellen kleinere Übersetzungsschwächen. Der Nachteil der Unterlagen liegt im gewohnten Nebeneinander der Sprachen. "Interkulturelle Radioausbildung" sollte (auch) bedeuten, miteinander von Sprachen. In den Texten wird das für die Radioarbeit auch immer wieder gefordert bzw. empfohlen. Die Arbeitsmaterialien selber verfolgen den Ansatz allerdings nicht.

Sprechen und Moderieren im Radio

Der Artikel wählt einen schönen Einstieg, in welchem zunächst erläutert wird, dass es kein "Fehler" ist, mit Dialekt oder in Umgangssprache zu sprechen. Etwas seltsam mutet dann allerdings der mehrfach geäußerte Hinweis an, Füllwörter zu vermeiden. Auf S. 8 wird dies sogar als Regel für Radiosprechen formuliert. Im Berufsjournalismus ist diese Regel tatsächlich existent. Unter anderem deshalb klingt die Radiosprache von Berufsjournalist_innen sehr sehr häufig so künstlich. In einigen Freien Radios existiert dagegen explizit die Forderung, die alltägliche Sprache ins Radio zu holen, konsequenterweise auch mit Füllwörtern. Füllwörter sind nämlich keine Störung beim Hören und Verstehen, sie ermöglichen uns im Gegenteil Denkpausen, geben die Chance, Gesagtes zu verstehen etc. Im täglichen Sprachgebrauch würde niemand behaupten: "Ich verstehe dich nicht, weil du immer Füllwörter benutzt." Warum wird dann diese Regel für Radiosprache aufgestellt? – Gerade weil uns im Radio die nonverbale Ebene fehlt, ist es wichtig, unsere Gedankengänge nachvollziehbar zu machen. Diese in einem ununterbrochenen Fluss zu präsentieren, erfordert beim Zuhören vermutlich enorme Konzentration. Wenn ich allerdings meine Sätze tatsächlich erst denke, bevor ich sie ausspreche, haben Zuhörer_innen die Chance in gleichem Tempo zu folgen, mitzudenken. Ein Füllwort ist dabei nicht verkehrt, Unsicherheit und Denkpause sind ein normaler, menschlicher Vorgang beim Sprechen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: mit der Argumentation soll jetzt nicht dass ununterbrochene Füllgeräusch "Ähm" legitimiert werden. Auch ein Sprechen ohne Konzept ist nicht gemeint. Klare Sprache, genaues Wissen, worüber ich spreche und was ich sagen will, auch die Konzentration auf möglichst verständliche Ausdrucksweise und Sprache (abhängig von meinem Zielpublikum) gehören zur Radiosprache. Wir sollten allerdings die Angst verlieren, durch etwas mehr Natürlichkeit "unprofessionell" oder "unfähig" zu erscheinen. Ein schöner Exkurs zu dem Thema ist das (leider nicht theoretisch formulierte) Konzept der Schmutzigen Sprache vom italienischen Radio Alice (siehe dazu auch den Reader von klipp & klang kurze Welle - lange Leitung, darin Katja Diefenbach Die Liebe zu sprechenden Mikromedien).


Выступление по радио

In der russischen Übersetzung des Artikels heißt es im zweiten Absatz:

Как привлечь слушателей 
Цель радиопередачи заключается в том, чтобы привлечь как можно больше слушателей. Получится это или нет, 
зависит от того, насколько вы смогли их заинтересовать. Поэтому стоит поразмыслить о том, как обратиться 
к публике, как написать текст, как построить свои фразы и свою речь и как вызвать образы в сознании слушателеи.

Der Abschnitt unterscheidet sich gegenüber der deutschen Vorlage. Als Einstiegssatz wird nämlich formuliert: Das Ziel einer Radiosendung ist, so viele Hörer wie möglich zu erreichen (привлечь = gewinnen / fesseln). – Diese Aussage mag vielleicht für Community Radios im russischsprachigen Raum gelten, wahrscheinlich sind sogar einige Fans des Gegenöffentlichkeits-Ansatzes sehr überzeugt davon. In letzter Konsequenz bedeutet diese Aussage allerdings auch, ein Radioprogramm zu machen wie es vor allem die Privatradios durchziehen: nur nichts Störendes, weichgespült und immer entlang dem Mainstream. – Durch streichen von "как можно больше" bedeutet der Satz genau das, was auch in der deutschen Version formuliert wird: "Ziel einer Radiosendung ist es, HörerInnen zu erreichen." Ein kleiner, aber durchaus prägnanter Unterschied.

Sollten an dieser Stelle Muttersprachler_innen meine russische Übersetzung als Fehlinterpretation belegen können, so bitte ich um Ausbesserung der Anmerkung. Danke!


Interview

Udo Israel: sehr brauchbare Zusammenfassung des Themas; geht auf die einzelnen Phasen der Vor- und Nachbereitung genauso ein, wie auf die Durchführung; gefällt mir auch, weil es eine Vielfalt von Möglichkeiten darlegt


Критерии проведения интервью

In der russischen Übersetzung der Materialien Критерии проведения интервью gibt es auf Seite 4 unter der Überschrift II. Само интервью missverständliche Übertragungen ins Russische.

In der Checkliste werden als Punkte vier und fünf genannt:

• задавай косвенные вопросы

• но избегай черезчур прямолинейных вопросов

Wortwörtlich übersetzt bedeutet dies:

• Stelle indirekte Fragen

• Vermeide umgekehrt geradlinige (aufrichtige) Fragen

Diese Ratschläge sind so natürlich eher kontraproduktiv. Gemeint ist eher (zumindest steht es so in der deutschen Fassung des downloadbaren pdfs): Stelle offene Fragen / Vermeide geschlossene Fragen. Die beiden Adjektive косвенный und прямолинейный sind also zu ersetzen durch открытый und закрытый. Diese Termini werden auch im Abschnitt Правильно задавать вопросы benutzt.

Правильно задавать вопросы

Der Titel Правильно задавать вопросы ist schwierig. Wortwörtlich übersetzt bedeutet er: "Richtig Fragen stellen". Das Wort Правильно beinhaltet keine weichere Bedeutungsebene. Es geht immer um Korrektheit und Fehlerfreiheit. Die deutsche Variante "Geschickt Nachfragen" weist dagegen in eine völlig andere Richtung. Es geht nicht um richtiges oder falsches Fragen (gibt es überhaupt falsche Fragen?), es geht darum, kritisch zu bleiben, genau zuzuhören und in Situationen, in denen etwas unklar bzw. ungenau bleibt, nachzufragen. Was bedeutet diese Aussage genau? Gibt es dazu konkrete Beispiele? Lässt sich die unkonkrete Schwammigkeit belegen oder besser zusammenfassen?

Als schönere Übersetzung ins Russische könnte einfach das Правильно gestrichen werden. In dem Fall hieße das Kapitel in der deutschen Übersetzung: "Fragen stellen" - inhaltlich nicht verkehrt.

Anwendung

Ich habe die einzelnen Kapitel (vor allem die russisch- und englischsprachigen Varianten) häufig im Workshop verteilt, meist am Ende einer Einheit. Auch versehen mit den entsprechenden Hinweisen, wo kritisch zu lesen ist, was an Übersetzungsfehlern vorhanden ist etc. – Diese Bemerkungen wurden meist nicht mehr wahrgenommen (niemand hat sich Notizen gemacht). Auch bei den nächsten Treffen gab es keine Fragen oder Anmerkungen zu den Blättern. Meine Vermutung: sie wurden nach dem Workshop überhaupt nicht mehr angesehen. – An dieser Stelle frage ich mich schon, welchen Sinn das Verteilen von längeren Texten macht. / Außerdem verteile ich nunmehr nur noch von mir korrigierte Varianten. Abschnitte, die mir fragwürdig erscheinen streiche ich bzw. bessere sie aus. Das erfordert zwar einige Bastelarbeit im Vorhinein, ich kann mir damit allerdings sicher sein, dass keine missverständlichen Informationen in Umlauf geraten. Udo Israel

Weiterführende Literatur & Links

NGO MediaTrainings 2010 – ein Beispiel aus der Praxis, wie Mehrsprachigkeit und interkulturelles Training funktionieren kann. Leider keine theoretische Aufarbeitung der Methodik … wenigstens an den Ergebnissen erkennbar, was im Trainings stattgefunden hat.

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