Geschichte der Freien Radios in Österreich
Von Wolfgang Hirner
PiratInnenradio hat in Österreich ein lange Tradition. Schon in der
1. Republik gab es aufgrund der Unzufriedenheit mit der RAVAG, der Vorgängerin
des ORF, Piratenradios des sozialdemokratischen Freien Radiobundes. Es gab
sogar Forderungen nach Legalisierung proletarischer Radiosender, diese wurden
aber von der SPÖ wieder fallengelassen, da sie auf eine stärkere Einbindung in
die RAVAG setzte. Die ersten RadiopiratInnen der 2. Republik waren die Macher
von Ö-Frei. Sie sendeten ab Dezember 1979 in Graz vier Sendungen á 15 Minuten.
Nach dieser kurzen "Störung" des ORF-Monopols gab es erst wieder 1987
PiratInnenaktivitäten. Diese PiratInnenbewegung hatte schon personelle
Verbindungen zur heutigen Freien Radiobewegung. Im Herbst 1987 sendete Radio
Sozialfriedhof und Radio Sprint in Wien über Studentenstreiks und die
Demonstration gegen Sozialabbau. Radio ÖGB-Österreich geht's blendend
berichtete über die Situation der Verstaatlichten Industrie in Linz sowie in
der Obersteiermark. Radio Rücktritt berichtete im Februar 1988 unter dem Motto
"Go, Kurti, go" über die Anti-Waldheim-Kundgebung am Wiener
Stefansplatz. Hinter den Radios mit den verschiedensten Namen verbarg sich
eine einzige Gruppe von PiratInnen, die in Kontakt mit der Föderation
europäischer Freier Radios (FERL) stand. Die FERL und dessen Österreichsektion
spielte in dieser Zeit eine sehr große Rolle.
Ostern 1991 begann dann die bisher längste PiratInnenphase. Der am 31.3.91 in
Wien veranstaltete PiratInnentag war der erste Sendetag. Radio Boiler startete
mit einem 15-minütigem Wochenmagazin. Radio Boiler bekam bald
Unterstützung. Es folgten Radio Filzlaus, Radio Hotzenplotz und Radio
Breifrei. Von Anfang an ging es den PiratInnen um die Durchsetzung politischer
Ziele. So forderten sie, daß bei einer Liberalisierung auch nichtkommerzielle
Radios und deren finanzielle Förderung festgeschrieben werden. Von Seiten des
Staates wurde von Anfang an mit unverhältnissmäßigen Mitteln auf die
PiratInnen reagiert. So wurde schon am Anfang der PiratInnenzeit gegen diese
mit einem Hubschraubereinsatz vorgegangen. Dasselbe wiederholte sich dann in
Salzburg im Sommer 1993.
Im Juni 1992 gab es in Wien bereits 25 Radiogruppen, die insgesamt 40 Stunden
Programm pro Woche gestalteten. Es gab ein tägliches
Kulturveranstaltungsprogramm, ein Frühstücksradio und sonntags eine
Gemeinschaftssendung der RadiopiratInnen. Ende 1992 verschärfte sich die
Verfolgungssituation durch die Funküberwachung dramatisch. Die folgende
Materialschlacht brachte die RadiopiratInnen an ihre finanziellen Grenzen. Im
Juli 93 mußte der regelmäßige Betrieb eingestellt werden. In der Zeit von 1991
bis 1993 wurden in Wien insgesamt 34 Sendeanlagen beschlagnahmt. Die
verschärfte Verfolgung stand in Zusammenhang mit dem
Regionalradiogesetzesentwurf, in dem Freie Radios nicht vorgesehen waren. Im
März 1993 kam es zu mehreren Hausdurchsuchungen bei mutmaßlichen
RadioaktivistInnen. Im Fernmeldegesetz wurde die Höchststrafe für illegales
Senden von 5.000 öS auf 100.000 öS heraufgesetzt, um die PiratInnenära endlich
zu beenden.
In den anderen Bundesländern gab es auch die verschiedensten
PiratInnenaktivitäten. In Kärnten sendete AGORA über 2 Jahre von italienischem
Boden aus, in Graz sendete Radio ZARG, in Salzburg Radio Bongo500, in Linz die
Offene Radiofrequenz. In Vorarlberg hießen sie Radio Free Gsiberg, Radio Föhn,
Radio Mikrowelle oder Radio Lästig, in Innsbruck sendete der
Radiator. Gemeinsam war jedoch allen, daß sie spätestens im Herbst 1993 ihren
Betrieb einstellten und ihre Energien auf die Legalisierung, d.h. Bewerbung um
Lizenzen verwendeten.
Neben der illegalen Sendetätigkeit gab es von Anfang an medienpolitische
Aktivitäten der RadiopiratInnen. So wurde der Öffentlichkeit schon im Dezember
1991 ein gemeinsam mit der FERL und den Grünen ausgearbeiteter alternativer
Gesetzesentwurf für Privatradio präsentiert. In diesem Entwurf sollten die
vorhandenen freien Frequenzen zu gleichen Teilen zwischen kommerziellen und
Freien Radio aufgeteilt werden. Weiter war eine Finanzierung der Freien Radios
über einen Fonds vorgesehen, der sich aus einer 3%igen Abgabe auf
Werbeeinnahmen von ORF und kommerziellen Radios speisen sollte.
Ein Freies Radio war außerdem daran beteiligt, daß Österreich vor dem
Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen des Rundfunkmonopols
verurteilt wurde. AGORA und 4 weitere Beschwerdeführer klagten aufgrund des
Art.10 EMRK. Der Gerichtshof erkannte im November 1993 einstimmig in allen
Beschwerdefällen auf eine Verletzung des Art.10 EMRK. Das Rundfunkmonopol
beschränke die Beschwerdeführer in ihren von Art. 10 EMRK gewährleisteten
Rechten, stelle also einen Eingriff in die Ausübung des Rechts auf Verbreitung
von Informationen und Ideen dar.
Außerdem gründeten die PiratInnen in den Jahren 1992 und 1993 Vereine mit dem
Ziel, nichtkommerzielle Radios zu betreiben, sobald es nach der
österreichischen Gesetzeslage möglich sei. Diese Vereinsgründungen wurden von
den Behörden massiv behindert, vor allem in Wien. Auch der Verein IG Freies
Radio (jetzt: Verband Freier Radios) als österreichweite Interessenvertretung
wurde in Wien untersagt. Er wurde dann schließlich in Graz angemeldet.
In der Zeit von 1990 bis 1993, in der 5 Gesetzesentwürfe zum Regionalradio
entstanden, mischten sich die PiratInnen massiv in die Diskussion ein. Als
Erfolg konnten sie verbuchen, daß im letzten Entwurf endlich auch Lokalradio
und nicht nur Regionalradio erwähnt wurde. In der Begutachtungsphase für das
Gesetz waren die Freien Radios in einer akkordierten Aktion medienpolitisch
sehr aktiv, was zu einer ungewöhnlich hohen Rücklaufquote der Begutachter
führte. Dabei waren sehr viele, die die fehlende Verankerung von Freien Radios
im Gesetz kritisierten, unter anderem der ÖGB, die AK, die Österreichische
Hochschülerschaft, das Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft
sowie die juristische Fakultät der Universität Salzburg, die
Rektorenkonferenz, die sozialistische Jugend, FERL, der Bundesjugendring sowie
sämtliche Freie Radioinitiativen. Dennoch wurde der Entwurf mit geringen
Änderungen von den Regierungsparteien beschlossen.
Vorgesehen waren erst einmal eine Regionalradiolizenz pro Bundesland und in
Wien zwei Regionalradiolizenzen. Lokalradio sollte erst später kommen. Die
Freien Radios gingen bei der Lizenzvergabe, wie erwartet, leer aus. Gegen die
von der Regionalradiobehörde vergebenen Lizenzen wurden innerhalb der
gesetzlichen Frist beim Verfassungsgerichtshof 26 Klagen, davon 7 von Freien
Radios, eingereicht. Im September erkannte der VfGH auf Verfassungswidrigkeit
des §2 Abs. 1-3 und 5 RRG und hob die angefochtenen Regionalradiobescheide
auf. Aufgrund des Urteils des Verfassungsgerichtshofes mußten also die
Koalitionsparteien ein neues Gesetz erarbeiten.
Am 20. März 1997 beschloß der Nationalrat die Novelle zum Regionalradiogesetz,
welche Regional- und Lokalradio vorsah. Am 1. Mai 1997 begann die Antragsfrist
für Bewerbungen. Bis zu deren Ende am 15. Juni 1997 hatten sich über 300
Bewerber um Radiolizenzen beworben. Beim Kampf um die Regionalradiolizenzen
setzten sich erwartungsgemäß wieder die Bewerber mit Beteiligungen der
jeweiligen Tageszeitungen durch. Weiter vergab die Behörde 42
Lokalfrequenzen. Dabei waren die Freien Radios bei dem Kampf um
Lokalradiolizenzen überaus erfolgreich. Von 12 Freien Radiobewerbern erhielten
8 Bewerber eine Lizenz oder wurden in Form eines Sendefensters integriert.
Frühestmöglicher Sendestarttermin war der 1. April 1998. Laut
Regionalradiogesetz hatten die lizenzierten Radios ein Jahr Zeit , also bis
zum 1. April 1999, um auf Sendung zu gehen. Ein Überschreiten der Frist hätte
zu einem Lizenzentzug geführt. Als erstes Freies Radio ging die Radiofabrik in
Salzburg im Juli 1998 in Form eines 5-stündigen Sendefensters pro Woche beim
kommerziellen Radio Arabella auf Sendung. Die Radiofabrik hatte es allerdings
am einfachsten, da sie vertraglich festgelegt das Sendestudio von Radio
Arabella verwenden durfte und deshalb noch keine eigene Infrastruktur aufbauen
mußte. Als zweites Freies Radio und als erstes mit eigener Lizenz ging im
Sommer 1998 Radio Orange in Wien auf Sendung. Es folgten Radio FRO in Linz und
das zweisprachige AGORA in Kärnten. Besonders schwierig war die finanzielle
Situation für die Freien Radios im ländlichen Raum: für das Freie Radio
Salzkammergut und Freequenns im Ennstal. Schließlich schafften es auch diese,
am 31.3.1999 bzw. am 1.4.1999 noch auf Sendung zu gehen. Das Bludenzer Freie
Radio Pro-Ton schaffte es schließlich auch noch am letzten Tag in Kooperation
mit einem kommerziellen Radio in Bregenz. Dem mehrsprachigem Minderheitenradio
Antenne4/MORA wurde aufgrund technischer Schwierigkeiten von der Behörde
zusätzlich Zeit eingeräumt. Sie gingen als letzte am 4. April 1999 auf
Sendung.
Das Problem für die meisten Radios waren die hohen Investitionskosten. Es gab
zwar die Bereitschaft der Kunstsektion Abt.II/8 des Bundeskanzleramtes,
Radioprojekte zu fördern. Notwendige Investitionskosten wollte sie aber nicht
übernehmen. Trotz der fehlenden Verankerung im Gesetz und der damit
verbundenen schwierigen finanziellen Situation haben es alle Freien Radios
geschafft, fristgerecht auf Sendung zu gehen. Dies war verbunden mit einem
extrem hohen finanziellen Risiko der RadiomacherInnen. Denn für die
Investitionen wurden teilweise hohe Kredite aufgenommen, für die die
RadiomacherInnen persönlich hafteten.
Nach dem Sendestart der Freien Radios setzte die letzte Phase, die der
Konsolidierung und Expansion ein. Obwohl die finanzielle Situation weiterhin
sehr prekär ist, vor allem dort, wo kein Geld von Kommunen und Land kommt, wie
etwa in Vorarlberg. Auch die Tatsache, daß die Bundesförderung durch die
schwarzblaue Bundereierung im Jahr 2000 auf ein Drittel gekürzt und im Jahr
2001 ganz gestrichen wurde, macht die Situation nicht leichter. Radio MORA im
Burgenland musste seinen mehrsprachigen Sendebetrieb daraufhin einstellen
Dennoch meine ich, daß die bestehenden Freien Radios sich in einer
Konsolidierungsphase befinden, und zwar insofern, als daß die Wichtigkeit
Freier Radios als publizistische Ergänzung, als Forum für Gruppen und
Personen, die in den kommerziellen Medien nicht zu Wort kommen, als Plattform
für österreichische Musiker und Kulturschaffende immer mehr erkannt wird. Und
daß deshalb die Freien Radios nicht mehr so einfach wegzudenken
sind. Finanziell gibt es außerdem Bemühungen, die Eigenfinanzierungsquote zu
steigern, etwa durch das System des Radioabos, wo HörerInnen eine freiwillige
Jahresspende leisten.
Mit Expansion meine ich, daß einerseits bei den bestehenden Radios der Umfang
der Programmproduktion stetig wächst. Andererseits steigt die Anzahl der
Freien Radios ständig. In Salzburg ging die Radiofabrik Im Jänner 2002 auf
einer eigenen Frequenz (gemeinsam mit einem kommerziellen Anbieter) auf
Sendung, in Innsbruck erhielt Freirad eine Lizenz und geht am 15.6. 2002 auf
Sendung, Gymradio (Hollabrunn) und Radio Helsinki (Graz), die momentan mit
befristeten Bildungsfunklizenzen Radio machen, haben beste Aussichten auf
"richtige" Lizenzen. In Hallein geht in Kürze ein Freies Radio gemeinsam mit
einem kommerziellen Anbieter auf Sendung.
Als Fazit kann man sagen, daß die Geschichte der Freien Radios eine
Erfolgsstory ist. Es gelang einer Handvoll Menschen ohne starke Lobby, sich
mit Beharrlichkeit und fundiertem Wissen gegen Widerstände von politischen
Parteien durchzusetzen.
Wolfgang Hirner
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