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Mehrsprachig und Lokal. Nichtkommerzieller Rundfunk und Public Value in Österreich
13.10.2010

Die Leistungen des nichtkommerziellen Rundfunksektors erfahren in den letzten Jahren zunehmende Anerkennung durch die europäischen Institutionen und einzelne europäische Staaten. In Österreich wurde im Jahr 2009 ein eigener Fonds zur Förderung des nichtkommerziellen Rundfunks eingerichtet. Mit der wachsenden Aufmerksamkeit, die dem dritten Rundfunksektor und seinen Leistungen zukommt, steigt auch das Interesse an einer breiteren Diskussion von medienpolitischen Zielsetzungen in Zeiten gesellschaftlichen und medialen Wandels.

Im Zuge der aktuellen europaweiten Debatten um „Public Value“ und die Finanzierung von Medienleistungen im öffentlichen Interesse in allen Rundfunksektoren hilft die Studie „Mehrsprachig und lokal. Nichtkommerzieller Rundfunk und Public Value in Österreich“, den Beitrag Freier Radios zur Generierung von Public Value zu dokumentieren und ihre Leistungen, im Speziellen hinsichtlich mehrsprachiger und lokaler Programminhalte, aufzuzeigen.

Freie Radios sind relevante Medien, wenn es darum geht, Public Value im Rundfunk zu generieren. Dies leitet sich bereits aus den organisatorischen und inhaltlichen Aufgaben ab, denen die Freien Radios sowohl aus Selbstverpflichtung als auch aufgrund des gesetzlichen Auftrags nachkommen.

Abzurufen unter link http://www.rtr.at/de/komp/SchriftenreiheNr42010

Mehrsprachig und Lokal

In den öffentlich-rechtlichen Medien sinkt der Anteil nicht (nur) deutschsprachiger Programme seit mehreren Jahren kontinuierlich. In den Freien Radios geht hingegen der Trend zu immer mehr mehrsprachigen Sendungen. Der wertschätzende Umgang mit Mehrsprachigkeit und sprachlicher Vielfalt zeigt sich klar in Zahlen: die Freien Radios strahlen mittlerweile im Durchschnitt 30% ihres moderierten Programms in nicht (nur) deutscher Sprache aus. Etwa ein Fünftel bis ein Viertel dieses nicht (nur) deutschsprachigen Programms wird sogar in mehr als zwei Sprachen gestaltet.

Freie Radios gewinnen dadurch in der mehrsprachigen Gesellschaft besondere Bedeutung: Einerseits eröffnen sie sprachlichen Minderheiten, MigrantInnen und anderen in Medien unterrepräsentierten Menschen einen Kommunikationsraum, in dem diese selbst über Themen berichten, die für sie von Bedeutung sind. Andererseits ist neben der Information, die diese mehrsprachigen Sendungen bieten, auch die symbolische Bedeutung der medialen Präsenz von Sprachen entscheidend. Gerade Sprachen, denen trotz einer großen Anzahl von Sprecherinnen mangels offiziellem Status im österreichischen Alltag wenig Platz eingeräumt wird, können durch die Verwendung in anerkannten Strukturen, wie sie die Freien Radios darstellen, an Prestige gewinnen. Dies fördert ihre gesellschaftliche Akzeptanz und kann zum Austausch über Sprachgrenzen hinweg ebenso beitragen wie zum Ausbau der sprachlichen Ressourcen der beteiligten ProduzentInnen und HörerInnen. Viele Sendungen sind sowohl im lokalen Umfeld als auch in translokalen Kontexten verortet: Sie sind in der Lage, gleichzeitig auf verschiedene sprachliche Bedürfnisse und lokale Gegebenheiten einzugehen – wie durch den hohen Anteil von fast 58% der Sendungen im moderierten Gesamtprogramm, die explizit lokale Inhalte verhandeln, deutlich wird.

Meinungsvielfalt und gesellschaftliche Partizipation

Die große thematische Bandbreite des Programmangebots unterstreicht die Bedeutung des Kommunikationsraumes, den die Freien Radios für ergänzende oder gegenläufige Information und für Auseinandersetzung zur Verfügung stellen. Viele der für die Studie interviewten SendungsmacherInnen nannten als Motivation für ihre Tätigkeit den Wunsch, eine Sendung zu gestalten, die „sie selbst gern gehört hätten“, die es aber nirgends gab. Die RadiomacherInnen nutzen ihre Sendungen als Freiraum für Experimente, stellen Gegenöffentlichkeit her und bringen unterrepräsentierte Themen und Meinungen zur Sprache.

Bestimmte Bevölkerungsgruppen laufen Gefahr, publizistisch aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden bzw. nur als Gegenstand negativer oder diskriminierender Berichterstattung präsent zu sein. Freie Radios können in dieser Hinsicht einen wichtigen Beitrag gegen die Herausbildung einer kommunikationalen Zweidrittel-Gesellschaft leisten, indem sie Menschen bestärken, selbst zu Akteurinnen in ihrer medialen Umgebung zu werden. Der öffentliche Auftrag endet für die Freien Radios aber nicht mit der Ausstrahlung besonderer Sendungen sondern setzt sich durch aktives Engagement in ihrem Umfeld (als Arbeitgeber, Veranstalter, lokalpolitisches Meinungsforum etc.) fort.

Die Freien Radios in Österreich verschreiben sich dezidiert der Idee einer aktiven, teilnehmenden HörerInnenschaft, die nicht nur von Medien informiert wird, sondern diese selbst gestaltet. Sie organisieren damit kritische und vielstimmige Öffentlichkeiten, die die Aushandlung gesellschaftlicher Belange im weitesten Sinne gewährleisten und wesentlich fördern können.

Die AutorInnen der Studie „Mehrsprachig und Lokal. Nichtkommerzieller Rundfunk und Public Value in Österreich“ sind der Ansicht, dass Freien Radios ein fester Platz im Rahmen der Public Value Debatte eingeräumt werden muss. Es ist an der Zeit, eine breitere Auseinandersetzung mit der Rolle von Medien in und ihrer Verantwortung gegenüber einer mehrsprachigen, vielstimmigen Gesellschaft voranzutreiben. Im Fokus sollten dabei nicht nur die Inhalte sondern explizit auch Aspekte von Medienorganisation und Medienbildung stehen.

Kontakt:
Mag. Helmut Peissl, hp@commit.or.at
Mag.a Petra Pfisterer, petra.pfisterer@gmx.at
Mag.a Judith Purkarthofer, judith_purkarthofer@yahoo.com
Univ.-Prof.in Dr.in Brigitta Busch, brigitta.busch@univie.ac.at

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