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Fernsehen, Neuland für Mehrsprachigkeit
Barbara Eppensteiner, Amina Handke DIE MEDIALE „AMTSSPRACHE”
Einsprachigkeit im Sinne einer vereinheitlichten Sprache dominiert Radio, Fernsehen und die Printmedien und deren Wahrnehmung. Auch in Österreich spielt das Mediensystem daher eine wichtige Rolle bei der Definition von „Norm“ bzw. „Mehrheit“ und der damit zusammenhängenden kollektiven Identitätsvorstellung. Für die Mehrheit hat das den Vorteil, dass die Konstruktion einer offiziellen „Amtssprache“ auch die Beschreibung von „Minderheit“ vereinfacht.
Der Gebrauch der Alltagssprache gestaltet sich allerdings weitaus hybrider und komplexer. Neben der durch Migration bedingten Vielfalt gibt es aus historischen, biographischen und sozialkulturellen Gründen ja auch eine Vielzahl von Dialekten, Mischsprachen und Akzenten. Multiphonie begleitet demzufolge den Alltag der „Einsprachigen“ und ist Teil praktisch jeglicher Form der Kommunikation.
Konzepte, die diese Realität auch in den Medien zu spiegeln versuchen, sind selten. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass sich ein von der national festgelegten „Norm“ abweichender Sprachgebrauch und die damit vermittelten Inhalte nicht so leicht kontrollieren oder bewerten lassen.
Während sich „anders“sprachige Nischen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zunehmend unter der Wahrnehmungsgrenze befinden bzw. völlig verschwinden, boten bisher einzig und in zunehmendem Maße die Freien Radios in Österreich Formen der Mehrsprachigkeit Raum.
SPRACHE IST (NICHT GLEICH) IDENTITÄT
Bei nichtdeutsch- oder mehrsprachigen Sendungen kann die gemeinsame Sprache zwar eine thematische Klammer bilden, sie ist aber in den meisten Fällen nicht mit dem Thema der Sendung gleichzusetzen. Die Erfahrung zeigt eher, dass gerade mehrsprachige Sendungen innerhalb der jeweiligen Sprachgruppen besonders heftig und teilweise auch kontroversiell diskutiert werden.
Ein weiteres spannendes Feld ergibt sich aus dem Umstand, dass die gelebte Hybridität vieler mehrsprachiger Personen in ihrer Übersetzung in ein Medium einige Herausforderungen bietet. So braucht es etwa immer wieder Ermutigung und positives Feedback, damit das Beherrschen von (und Wechseln zwischen) mehreren Sprachen auch dann als Qualität erkannt wird, wenn Akzente, Umgangssprache oder Unsicherheiten hörbar werden.
MEHRSPRACHIGKEIT IM FERNSEHEN
Seit Ende November 2005 gibt es mit Okto in Wien ein partizipatives Fernsehen, das als erstes derartiges Projekt in Österreich mit dem Anspruch antritt, ein Komplementärprogramm zu den bestehenden Sendern anzubieten. Okto will eine Plattform zur audiovisuellen Darstellung des Lebens verschiedenster Communities sein (mehr zum Selbstverständnis auf www.okto.tv).
Schon im kurzen Zeitraum seit Projektbeginn ist ein erstes Spektrum von Sendungen entstanden, die von mehrsprachigen Personen gestaltet werden und Sprachen unterschiedlich einsetzen. Viele von ihnen haben Erfahrungen im Bereich Freier Radios, was die Präsenz derartiger Konzepte bereits zum Sendestart von Okto sicher befördert hat. Interessant ist, dass bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt (März 2006) in allen diesen Sendungen zumindest teilweise deutsch gesprochen wird. Begründet wird das von den ProduzentInnen mit dem Anliegen, ein breiteres Zielpublikum erreichen zu wollen.
Die ProduzentInnen von „Afrika TV“ bauen auf langjährige Radioerfahrung und haben den Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft zum Ziel. Ihre wöchentliche Sendung wird abwechselnd als Diskussionssendung in deutscher Sprache und als französisch/englisch moderierte Präsentation afrikanischer Musikvideos gestaltet. Auf diese Weise spricht die Sendung ein recht breites Publikum an.
Ex-Yu in Wien“ berichtet von Konzerten, Veranstaltungen und Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien und hat, wie der Titel schon vermuten lässt, einen starken Wiener Lokalbezug. Das Konzept der ProduzentInnen sieht vor, dass Interviews, vor allem mit VeranstaltungsbesucherInnen, in deren jeweiliger „Muttersprache“, also Serbisch/Kroatisch/Bosnisch geführt werden. Alle längeren inhaltlichen Passagen und die Moderationen sind in Deutsch.
Erklärtes Ziel der Sendung „Macedonia Roma TV“ ist die mehrsprachige Vermittlung von Traditionen und damit verbundener Kultur: Religiöse Feste und Feiertage, Hochzeitsbräuche und Ähnliches werden in der jeweiligen Sprache präsentiert: Mazedonisch, Romanes, Türkisch usw. Die Moderation ist teils zweisprachig deutsch und romanes, teils nur deutsch.
Gelebte Vielsprachigkeit, verbunden mit dem Anliegen, durch die eigene Sendung die Welt – und hier vor allem jene Gebiete, die vom österreichischen Journalismus sonst kaum wahrgenommen werden – in die Wohnzimmer der Okto-SeherInnen zu bringen, ist Anspruch von „Discover-TV“. Dessen ProduzentInnen gehen mit ihren Formaten einen sehr interessanten Weg. In „Every 1 News“ ist neben den NachrichtensprecherInnen, die unterschiedlichste Sprachen (bisher: Japanisch, Arabisch, Spanisch, Englisch, Französisch, Amharisch und Kreol) verwenden, jeweils ein Bildinsert mit einer deutschen Headline zu sehen, sodass auch der jeweiligen Sprache Unkundige wissen, worum es geht. Im unmittelbar anschließenden „Every 1 News Talk“ werden die zuvor angesprochenen Themen auf Deutsch diskutiert.
Neben Sendungen, in denen verschiedene Dialekte aus dem deutschsprachigen Raum zu hören sind („Hintermarlberg“, mehrere Austauschsendungen aus Berlin oder Hamburg), wären außerdem zu erwähnen: „Globalista Living Room“, eine Sendung, die teilweise in Brasilien produziert wird; das Hip-Hop-Format „Fragezeichen“; „Dritte Türkenbelagerung“, eine Sitcom in Türkisch und bewusst rudimentärem Deutsch; „Vitam in C“, ein Centrope-Format, das sich vor allem mit slawischen Sprachen, aber auch mit Ungarisch auseinandersetzt. Sie alle thematisieren Mehrsprachigkeit auf unterschiedlichste Weisen und bieten den damit verbundenen Fragestellungen entsprechenden Raum.
Gemäß dem Anspruch von Okto, in seinen Community Magazinen den Alltag möglichst unverfälscht abzubilden, ergeben sich erfreulicherweise ebenfalls in vielen anderen Sendungen häufig gemischte Sprachsituationen. Außerdem sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt etwa 10 weitere Sendungen, in denen Mehrsprachigkeit eine zentrale Rolle spielt, in unterschiedlichen Entwicklungs- und Realisierungsstadien.
BILDSPRACHE, SCHRIFT UND GESPROCHENES WORT
Fernsehproduktion erfordert komplexes technisches Know-how und ist mit relativ großem Zeitaufwand verbunden. Besonders Untertitelung findet aus diesen Gründen bei Okto nur in Ausnahmefällen Verwendung. Die ProduzentInnen setzen sich auf kreative Weise mit diesen Bedingungen auseinander: Angefangen bei spontanem “Umschalten” zwischen Sprachen reicht das Spektrum – auch zukünftiger – Überlegungen über Zusammenfassungen zwischendurch bis hin zu „Sprachkurs“-artigen Sendungselementen (ein Begriff oder Satz wird unter besonderer Berücksichtigung möglicher Missverständlichkeit ins Deutsche übersetzt und analysiert) sowie rein bild- und körpersprachlichen Gestaltungsmitteln.
Die Möglichkeiten, Fernsehen mehrsprachig zu nutzen, sind zweifellos noch lange nicht ausgeschöpft! |